Onlineausgabe der INNdependent Media GmbH

MEINUNGEN | Im Gespräch | Rotes Bankerl

„Die regionalen Wirtschaftskreisläufe stärken”: Christian Gelleri auf unserem Roten Bankerl in der Turnhalle der Priener Waldorfschule. Die 2006 gebaute Halle war das erste Projekt, das durch den Verein „Chiemgauer e.V.” gefördert wurde
Foto:Schlüter

„Chiemgauer” für die Ehefrau


Unsere Zeitung rollt keinen roten Teppich aus. Stattdessen haben wir unser Rotes Bankerl, auf dem Regionalgeld-Visionär Christian Gelleri stolz die Scheine zählt.

Das Regionalgeld „Chiemgauer” feiert heuer fünfjähriges Jubiläum. Christian Gelleri hat es geschafft, aus einem kleinen Schülerprojekt an der Waldorfschule in Prien eine der weltweit erfolgreichsten Regionalwährungen zu machen. Unsere Zeitung traf den 34-jährigen Rosenheimer, über den unter anderem schon die „New York Times” in ihrer Weltausgabe berichtete, an dem Ort, an dem alles begann.

Redaktion: Herr Gelleri, vor fünf Jahren konnten die Waldorfschüler in Prien ihre Pausensnacks erstmals mit einer hier an der Schule von Ihnen ins Leben gerufenen Währung bezahlen. Mittlerweile kann man in fast 650 Geschäften in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein mit „Chiemgauer” einkaufen. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Gelleri: Ich hatte zwar schon vor dem Start ein sehr ambitioniertes Regiogeldkonzept ausgearbeitet, aber dass es so gut laufen würde, damit war nicht zu rechnen. Es war ja zunächst nur ein kleines Schülerprojekt, das ich als Wirtschaftslehrer mit sechs Schülerinnen der 10. Klasse durchgeführt hatte. Die ersten Bezahlmöglichkeiten waren in der unmittelbaren Umgebung der Schule - beim Bäcker, einem Buchladen und natürlich dem Pausenverkauf. Wir haben dann den gemeinnützigen Verein „Chiemgauer e.V.” gegründet und hatten im zweiten Jahr bereits 200 Akzeptanzstellen.
Redaktion: Welche Idee steckt hinter dem „Chiemgauer”?

Gelleri: Ziel ist die Stärkung der regionalen Wirtschaftskreisläufe und die Förderung gemeinnütziger Vereine und Projekte in der Region. Eingenommene „Chiemgauer” können entweder zum Einkaufen bei anderen Akzeptanzstellen verwendet oder gegen Euro zurück getauscht werden. Beim Eintausch fließen drei Prozent an gemeinnützige Projekte. Die Verbraucher wählen den Förderzweck aus. Bereits rund 100 Vereine in der Region haben profitiert.
Redaktion: Wie viele „Chiemgauer” werden mittlerweile jährlich umgesetzt und was kann man damit alles kaufen?

Gelleri: Wir schätzen, es werden 2008 eine Million Euro in „Chiemgauer” eingetauscht und die Gesamtumsätze liegen bei rund drei Millionen „Chiemgauer” im Jahr. Unsere Akzeptanzstellen kommen aus nahezu allen Branchen. Ich selbst zahle 90 Prozent meiner sämtlichen monatlichen Ausgaben in „Chiemgauer”, sogar die Wohnungsmiete. Allerdings bin ich da wohl ein Sonderfall, denn ich zahle die Miete an meine Frau (lacht). Es gibt aber vereinzelt auch bereits weitere Vermieter, die „Chiemgauer” akzeptieren.
Redaktion: Ihr Regionalgeld ist so erfolgreich, dass Sie Ihren Lehrerjob mittlerweile an den Nagel hängen mussten...
Gelleri: Das ist richtig, ich bin seit Herbst 2005 Geschäftsführer des Chiemgauer e.V. Wir sind zwar nach wie vor ein Bürgerprojekt, aber gleichzeitig auch ein Startup-Unternehmen.
Redaktion: Sie sind mittlerweile auch ein gefragter Referent...
Gelleri: Wir hatten von Beginn an eine tolle Medienresonanz, wodurch der „Chiemgauer” weltweit für Aufsehen gesorgt hat. Vorträge und Beratung zum Thema Regionalwährungen im Ausland sind für mich zu einem wichtigen Standbein geworden.

Redaktion: Welche Ziele haben Sie noch für die Zukunft?
Gelleri: Wir wollen die Währung flächendeckend in der Region verbreiten und mithilfe des „elektronischen Chiemgauer” auch den Großhandel und die Erzeuger miteinbinden. Da steckt noch viel Arbeit dahinter.

Eike Schlüter 24.07.2008
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