Lesen Sie dazu auch
- 24.08.2010 Steine, Kreuze, Kobolde, Meer
- 20.05.2010 Region im Schatten der Aschewolke
- 28.04.2010 Schwedisch Lappland: Mittsommer mit Moltebeeren und Firnschwüngen
- 28.11.2009 Ein Streifzug durch die Geschichte
- 25.09.2009 Wiener Unterwelten
- 30.07.2009 Torii, Tempel, Geishas, Bier und Burger – japanische Kontraste
- 27.01.2009 Mit dem Kopf am Himmel
- 04.12.2008 Schulbesuch in Nepal
THEMEN | Urlaub & Reise

Shanghai und das Hinterland: Natur, Kultur und Stahlbeton
Rosenheim/Shanghai - Shanghai ist modern, laut und vor allem groß: In dem riesigen Stadtgebiet tummeln sich an die vierzehn Millionen Menschen. Innerhalb der vergangenen Jahrzehnte wurde Shanghai von der kommunistischen Regierung in Peking vernachlässigt - und konnte so zu einer der größten Wirtschaftsmetropolen aufsteigen. Kultur und Landschaft mussten dabei modernen Hochhäusern weichen. Verzichten muss man aber nicht darauf: Das nahegelegene Hangzhou mit dem schönen Westsee und die zauberhaften Gipfel des Huang Shan haben einiges zu bieten. Wenn man mit den richtigen Erwartungen daran geht.
Nicht ganz zwei Stunden dauert der Flug von Chinas Hauptstadt Peking nach Shanghai. Trotzdem fühlt man sich wie in einer anderen Welt, wenn man von einem der beiden Flughäfen im Taxi Richtung Innenstadt fährt. Wolkenkratzer, amerikanische Fast-Food-Ketten, riesenhafte Einkaufszentren mit internationalen Marken, deutsche Luxuskarossen: Vom Kommunismus ist in dem ehemaligen Fischerdorf nichts zu bemerken.
Shanghai ist eine Stadt der Superlative. Hier ist alles schneller, höher und weiter. Täglich erreichen neue Geschäftsleute aus aller Welt die Metropole und lassen sich von der Magnetschwebebahn vom Flughafen bequem in den Stadtkern bringen. Dort angekommen taucht man ein ins Großstadtflair: Flanieren zwischen herausgeputzten Großstädtern an der Uferpromenade oder in der berühmten Nanjing Lu, Einkaufen in einem der internationalen Einkaufshäuser oder sich mutig in das allgegenwärtige Verkehrschaos stürzen. Shanghai hat Facetten, die im übrigen China ihresgleichen suchen. Für Kultur und Natur bleibt zwischen all den Menschenmassen und Beton nicht mehr viel Spielraum. Zwar ist das Museum in Shanghai eines der größten der Welt und die frischlackierte Altstadt auf den ersten touristischen Blick auch «original chinesisch», aber: Verglichen mit dem Rest von Chinas Kulturerbe bleibt es ein einzelnes Reiskorn. Das meiste der sehenswerten Kultur in Shanghai ist dagegen nicht chinesisch: Am Bund, der Uferpromenade am Huang-Pu-Fluss, kann man die englischen und französischen Kolonialbank- und handelshäuser besichtigen und in der «French Concession» fühlt man sich beim Anblick der Villen zurück ins vorletzte Jahrhundert befördert.
Wem das nicht reicht und wer dazu der schlaflosen Großstadt entkommen will, setzt sich einfach in den Zug und erreicht innerhalb von zweieinhalb Stunden Hangzhou. Hierher kommen gestresste Shanghaier und Touristen, um sich hier eine Pause zu gönnen. Für Europäer nicht leicht vorzustellen: Mit einer Fläche von 682 Quadratkilometer ist die Stadt immer noch mehr als doppelt so groß wie München. Als Marco Polo auf seiner Asienreise nach Hangzhou kam, beschrieb er es als «schönste Stadt der Welt». Am Bahnhof bietet sich einem aber erst einmal ein ähnliches Bild wie in Shanghai: Hochhäuser, Verkehrschaos, Smog. Bis man sein Hotel in der Nähe von Hangzhous Wahrzeichen, dem Westsee, bezogen hat. Dort ist die Luft ist nicht mehr so stickig, der Blick auf den weiten See und hunderte kleiner Boote ist gigantisch; am Ufer laden Steinpagoden zum Verweilen ein. Beim Spazieren durch die gepflegten Parkanlagen und alten Tempelanlagen wird man von leiser chinesischer Musik aus versteckten Lautsprechern begleitet. Zudem ist das ganze Gelände so groß, dass man den lärmenden Touristenhorden leicht aus dem Weg gehen kann. Am Abend lässt man in der Nanshan Lu die Nacht zum Tag werden. Direkt am Westsee gelegen, reiht sich in dieser Straße Nachtclub an Nachtclub. Gegenüber kann man in den Schaufenstern der Autohändler teure Sportwagen bestaunen. Bei all diesen Annehmlichkeiten und der Exklusivität der Stadt vergisst man fast, dass immer noch jeder siebte Chinese unter einem Dollar pro Tag verdient.
Nach ein paar Tagen geht es weiter, um auch noch die pure Landschaft zu erleben: Die 72 Gipfel von Huang Shan in der Provinz Anhui werden in den Reiseführern als eine der schönsten Berglandschaften Chinas beschrieben. Mit dem Bus erreicht man in vier Stunden Huang Shan Stadt. Nach einer Übernachtung im Hotel geht es frühmorgens zum Fuß des Gebirges. Nach einer weiteren Busfahrt zum Haupttor, rund zwanzig Euro Eintritt und zwei Stunden Aufstieg bieten sich einem dann tatsächlich das angepriesene, fantastische Panorama. Schade nur, dass man dafür einen Kampf um den besten Aussichtspunkt ausfechten muss: Die Unmengen chinesischer Touristen sind - meist mit den Seilbahnen bequem nach oben gekommen - mit ihren Kameras bewaffnet erbitterte Gegner. Wählt man allerdings beim Abstieg den deutlich schwierigeren Weg auf der Westseite des Massivs, trifft man so gut wie neimanden. Dann kann man die mystischen Nebel in den Tälern und die zerklüfteten Gipfel noch ausreichend genießen, bevor man auf der Heimreise wieder eintaucht ins Großstadtleben von Shanghai.
