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THEMEN | Sport & Freizeit

Zwei alpine Grenzgänger
Die beiden Münchner Speed-Alpinisten Benedikt Böhm (31) und Sebastian Haag (31) vom Dynafit Gore-Tex-Team wollten im Juli in 18 Stunden auf den Broad Peak (8.051) in Pakistan. Und erlebten Dramatisches, wie sie uns nach ihrer Rückkehr erzählten.
Redaktion: Ihr habt Euch auf alpine Speedbegehungen der besonderen Art spezialisiert. Was heißt das konkret?
Böhm: Das ist sozusagen die „Formel 1 des Bergsteigens“ und kommt aus dem Skitourenrennlauf. Es geht darum, mit minimaler Ausrüstung so schnell wie möglich einen Gipfel zu besteigen und anschließend auf Ski wieder runter zufahren. Wir haben uns halt im Laufe der Zeit immer höhere Gipfel gesucht.
Redaktion: Ihr seid jetzt gerade mal eine Woche aus Pakistan zurück und seht schon wieder ziemlich erholt aus.
Haag: Ja, körperlich geht es uns schon wieder gut. Der Kopf braucht allerdings noch eine Weile, bis er das Erlebte verarbeitet hat.
Redaktion: Nach dem Gasherbrum II 2006 und der Expedition zum Manaslu 2007 war der Broad Peak, der zwölfthöchste Berg der Welt, Eure dritte Achttausender-Speedexpedition. Was war Euer Ziel?
Böhm: Wir wollten vom Basecamp auf 4900 Metern innerhalb von 18 Stunden auf den Gipfel und wieder zurück. Am Ende waren es dann aber 39, zum Teil sehr dramatische Stunden.
Redaktion: Was ist passiert?
Böhm: Es hat alles eigentlich gut angefangen. Wir sind von Islamabad aus mit dem Flugzeug weiter und gut im Basecamp angekommen. Dort war dann auch die italienische Bergsteigerin Cristina Castagna, mit der wir uns ziemlich angefreundet haben. Wir haben uns dann bei diversen Begehungen der Hermann-Buhl-Rinne bis zum Lager 2 auf 6.200 Metern sehr gut akklimatisiert. Das Wetter wurde dann allerdings immer schlechter. Es fing an zu schneien. Uns blieb dann laut Wetterprognose nur ein kurzes Zeitfenster für die Gipfelbesteigung. Wir sind dann am 17. Juli um 22.15 nachts los. Vor uns waren einige Expeditionen unterwegs, unter anderem auch Christina und ihr Partner, die gespurt haben. Wir hatten neben Ski, Schuhen und Bekleidung für den Auf- und Abstieg von 3.250 Höhenmetern bis zum Gipfel nur drei Liter Wasser, 20 Powerbar-Gels und Notfallmedizin dabei.
Haag: Mir ist dann schon ganz am Anfang mein ganzes Wasser aus dem Camelbak in den Rucksack ausgelaufen, so dass ich dann auf Lager 3 auf 7.000 Metern Höhe dringend eine Pause machen musste. Ich war total platt. Bene ging dann erst einmal alleine weiter. Ich bin dann später, leider viel zu schnell, hinterher.
Böhm: Ich kam gegen 15 Uhr am Vorgipfel auf 7.800 Metern an. Ich fühlte mich sehr gut, war fit. Hab mich schließlich über zwei Jahre für diese Tour vorbereitet und auf vieles dafür verzichtet. Christina war auch schon da und wir haben uns noch umarmt. Der Weg zum Hauptgipfel ging über einen Grat, wo aber zu viel Schnee war und es war auch schon viel zu spät, dorthin aufzubrechen. Dann kam Basti überraschenderweise doch oben an.
Haag: Ja, irgendwie hab ich es doch da hoch geschafft, aber mir ging es nicht gut. Ich war noch nie so leer.
Böhm: Als ich ihn sah, war mir sofort klar, wir müssen schnell runter mit ihm. Ich hab ihn noch nie so fertig erlebt. Er war absolut an der Grenze. Wir hatten schon seit vielen Stunden nichts mehr zu trinken und ich hab ihm erst einmal aus unserem Notfallpack drei Cortisonspritzen gegeben. Als auch die nicht viel nutzten, sind wir sofort los. An eine schnelle Abfahrt auf Ski war leider nicht zu denken. Ich nahm all sein Gepäck und unser Begleiter Cedric Hählen nahm ihn ans kurze Seil. Christina startete noch einen kurzen Gipfelversuch, drehte aber dann auch gleich um und stieg hinter uns ab.
Haag: Dann passierte es. Christina muss wohl ausgerutscht sein und stürzte ab. Wir haben es oben nicht mitbekommen, sie aber dann weiter unten gefunden.
Redaktion: Was geht da in einem vor?
Böhm: Man ist in der Höhe in einer absoluten Grenzsituation. Klar waren wir sehr schockiert, aber du kannst das in dem Moment emotional gar nicht so an dich ranlassen. Kopf und Körper stellen sich da irgendwie automatisch nur aufs Überleben um. Wir haben dann, ziemlich entkräftet, noch eine ungeplante, höllische Nacht oben in Lager 3 zu dritt in dem Zweierzelt von Cristina Castagna und ihrem Partner Giampaolo Casarotto verbracht. Mit jedem Schritt, den wir dann weiter runter sind, ging es Basti aber immer besser, so dass wir ab 6.200 Metern mit den Ski runterfahren konnten und waren dann nach 39 Stunden wieder im Basislager.
Redaktion: Wie war die Stimmung dort?
Haag: Wir waren erst einmal nur froh, dort heil angekommen zu sein. Die Stimmung war wegen Cristinas Tod, den wir erst hier so richtig wahrgenommen haben, eher depressiv. Ich hab jetzt erst einmal genug vom Bergsteigen. Für mich war das sehr sehr grenzwertig.
Böhm: Na ja, ich fühlte mich eigentlich körperlich schon die ganze Zeit sehr fit. Die Entscheidung gegen den Gipfel war in diesem Fall absolut richtig, aber es war sicherlich nicht meine letzte 8000er-Begehung.
Die Etappen der Expedition sind auf www.sueddeutsche.de/speed zu sehen.
