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Ärzte: «Wer rastet, der rostet»
Unser Bewegungsapparat ist von natur aus auf viel Bewegung eingestellt. Das Problem: Viele von uns sind dagegen recht bewegungsfaul. Gingen unsere Vorfahren pro Tag noch etwa 20 Kilometer zu Fuß, bringen wir es heute durchschnittlich gerade mal auf 700 Meter. Dies bleibt nicht ohne Konsequenzen für unseren Körper.
«Die meisten Krankheiten gehen auf eine falsche Lebensweise und fehlende Bewegung zurück», bringt es Orthopäde Ludwig Weh bei einer sportmedizinischen Frühjahrs-Fortbildung im CJD Asthmazentrum Berchtesgaden auf den Punkt. Gerade Gelenke und Bandscheiben brauchen Bewegung, denn der mechanische Reiz sorgt dafür, dass das Gelenk ernährt und beatmet wird und die Knorpelzellen neue Substanz bilden können. Das ist auch der Grund, weshalb Knochenbrüche heute in der Regel nicht mehr eingegipst sondern geschraubt werden. Gezielte Krankengymnastik beschleunigt zudem den Heilungsprozess. «Während bei technischen Geräten ständige Belastung zu Verschleißerscheinungen führt, ist bei Knochen und Knorpel das Gegenteil der Fall, alles wird kräftiger und widerstandsfähiger», erklärt der Mediziner anschaulich. Auch die Bandscheiben werden durch dosierte Belastungen gestärkt, übermäßige Schonung schade eher. «Früher hatten die meisten Patienten Bandscheibenprobleme durch zu hohe, heute durch zu wenig Belastung.»
Gerade im Krankheitsfall sowie bei älteren Menschen sei Bewegung mit geringer Belastung unbedingt empfehlenswert. «Keine Bewegung ist keine Lösung. Im Gegenteil, die Beschwerden werden schlimmer», kann der Orthopäde berichten. Gift für bereits angegriffene Gelenke seien ein harter Boden, harte Absätze und langes Stehen. Es empfehlen sich für diesen Personenkreis Sportarten mit fließenden Bewegungen. «Vom Tennisspielen würde ich abraten, Fahrradfahren oder Wandern sind hingegen für fast jeden geeignet», sagt Weh.
Da das menschliche Gewebe keine statischen Bewegungen mag, sollten bei jeder sportlichen Betätigung häufige und kurze Pausen eingelegt werden. «Jeder kennt das Phänomen: am Abend sind wir kleiner, sozusagen zusammengeschrumpft.» Ähnlich wie bei einem Reifen aus dem unter ständigem Druck Luft gepresst wird, verliert das Gewebe Flüssigkeit. Die Folge: Gelenke und Bandscheiben werden übermäßig stark belastet. Der Rat des Fachmannes: «Legen sie beim Wandern zwischendrin mal den Rucksack ab und strecken sie sich kräftig durch.»
In diversen Magazinen und Zeitschriften wird unter dem Thema «Rückenschule» häufig vor einem «falschen» Bücken und Heben gewarnt. «Für einen Patienten, bei dem bereits ein Schaden vorliegt, mögen diese Ratschläge alle richtig sein. Aber ein gesunder Mensch kann sich ruhig in alle Richtungen bewegen, das macht ihm nichts», appelliert der Orthopäde: «Bitte keine Schonung.» Dies gelte auch für Osteoporose-Patientinnen. «Immobilität führt rapide zu einer negativen Kalziumbilanz und somit zur Minderung der Knochensubstanz.» Was nichts anderes bedeutet, als dass Sport eindeutig die Knochendichte verbessert - und zwar in jedem Alter. Und noch einen interessanten Aspekt bringt Dr. Ludwig Wehr ins Spiel: Die körperliche Schmerzempfindung steht in Zusammenhang mit der körperlichen Fitness. Oder anders ausgedrückt: Sport hebt die Schmerzschwelle an. Einer Studie zufolge verdoppelt sich die Schmerzschwelle bei Leistungssportlern sogar. «Chronisch Kranke werden empfindlich. Fehlende Aktivität senkt gerade bei ihnen die Schmerzgrenze und macht sie empfindlich für Bagatellen und normale, harmlose Alterserscheinungen.»
Zusammengefasst lässt sich also sagen: Nur wer seinen Körper belastet, kann ihn fit halten. Die eingängige Forme heißt: «Use it or loose it.» Das gilt besonders für die Gelenke, deren Stoffwechsel nur bei gut dosierter Belastung und Bewegung richtig funktioniert. «Einen gesunden Körper gibt es nicht für umsonst», so Dr. Weh, «zwei- bis dreimal pro Woche sollte man sich sportlich richtig anstrengen. Das heißt, der Puls muss schon mindestens auf ein Niveau von 180 minus Lebensalter.»
Der Empfehlung, Patienten lieber stärker zu fordern als sie zu überschonen, schließt sich auch Dr. Lutz Kistenmacher, leitender Oberarzt im Kreiskrankenhaus Berchtesgaden, an: «Sport ist in jedem Lebensalter eher eine Chance als ein Risiko.»
