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Der Zeitungsrebell von Rosenheim
Aus der Süddeutschen Zeitung vom 12. Oktober 2005 (Bayern-Teil)
Zum Beispiel die Sache mit Angela Merkel und Gerhard Schröder. In den Wochen vor der Wahl brachten es die beiden nicht auf viele Gemeinsamkeiten. Doch dem Rosenheimer Jungunternehmer Eike Schlüter gelang es, dass sie - übrigens wie Guido Westerwelle und Joschka Fischer - einmütig ein Projekt lobten. Sein Projekt. Ein wöchentliches Anzeigenblatt, zu dessen 100. Ausgabe die vier Spitzenpolitiker allesamt ein Grußwort schrieben. «Wenn Du in Wahlkampfzeiten einen hast, dann kriegst Du die anderen auch leicht», sagt der 30-jährige Schlüter. Mit Witz, Kreativität und harter Arbeit ist ihm mit seinen Partnern in den vergangenen drei Jahren etwas Besonderes gelungen: Er hat mit den Rosenheimer Nachrichten in Südostbayern aus dem Nichts ein Anzeigenblatt mit mehr als 125.000 Stück Auflage geschaffen.
In diesen Tagen kommt gerade die fünfte Regionalausgabe heraus. Mit den nun erscheinenden Inntal Nachrichten deckt der kleine Verlag «Inndependent Media» die gesamte Region Rosenheim als auflagenstärkste Zeitung ab. Das nötigt auch Oliver Döser, Geschäftsführer des OVB-Medienhauses und damit Platzhirsch in der Region, Respekt ab. «Wenn einer in diesen Zeiten etwas Neues gründet, muss man grundsätzlich davor den Hut ziehen.» Es müsse sich aber erst zeigen, ob der kleine Verlag auf Dauer bestehen könne. Für sein Oberbayerisches Volksblatt und dessen Regionalausgaben sieht Döser keine Konkurrenz, doch seine Anzeigenblätter sollten auf der Hut sein. Die Monopolstellung seines Verlagshauses im Kreis Rosenheim droht zu verwässern. Wohl auch, weil man den neuen Konkurrenten lange unterschätzt hat.
Betrachtet man die Anfänge der Rosenheimer Nachrichten, so scheint das sogar nachvollziehbar. Die gedruckte Ausgabe wurde aus einer Internetseite entwickelt. Zwei Kumpels von Schlüter betrieben unter inndependent.de einen Gastro-Führer. Der studierte Medientechniker Schlüter ärgerte sich während des Kommunalwahlkampfs im Jahr 2002 «mal wieder über die Einseitigkeit der Berichterstattung der Lokalzeitung. Es war offensichtlich, dass hier kein objektiver Journalismus stattfand».
Also erweiterten die drei den Wirtshaus-Führer um einen journalistischen Teil. «Das kam so gut an, dass wir überlegten, das hauptberuflich zu machen.» Doch den drei jungen Männern war klar, dass eine Internetseite alleine dafür nicht reichen würde. «In der ländlichen Region brauchst Du ein Printprodukt», sagt Schlüter. Es fanden sich ein Immobilienmakler, der das gleiche Problem hatte, und ein Anwalt für die rechtliche Seite und schon war das kleine Verlagshaus gegründet. «Wir waren völlig unbedarft und blauäugig, hatten keinen finanziellen Hintergrund und wollten eine Wochenzeitung herausgeben», erinnert sich Schlüter. Das erste Büro war eine Kammer ohne Fenster in einem Internetcafé.
Anfangs reichte es nur alle 14 Tage zu einer Ausgabe, später sogar nur monatlich, bis im Januar 2004 der Schritt zur Wochenzeitung gewagt wurde. Jeden Donnerstag wird nun das Blatt auf lachsfarbenem Papier gratis an die Haushalte verteilt. Das Konzept beinhaltet zwei Standbeine: einen modernen Anzeigenmarkt mit Farbbildern im Kfz-Markt oder einer Vermietgarantie im Immobilienteil und eine redaktionelle Gestaltung, die mehr einer regionalen Wochenzeitung gleicht. «Gerade am Anfang waren wir vom positiven Echo der Leser beflügelt. Viele haben geschrieben, dass sie die Alternative zur Lokalzeitung freut», sagt Schlüter. So entspannt, wie deren Besitzer Döser angibt, sei das Verhältnis allerdings nicht. «Die wollen uns vom Markt verdrängen. Vieles im Konkurrenzkampf ist auf Vernichtung ausgerichtet.»
Doch mittlerweile dürfte das nicht mehr so leicht gelingen. Die Salzburger Nachrichten haben sich in den kleinen Verlag mit 17 Mitarbeitern eingekauft, dort wird auch gedruckt. Die strategische Ausrichtung für die nächsten Jahre ist klar: Die Lücke zwischen Traunstein und Salzburg soll geschlossen werden. Hört man auf die Lorbeeren aus Wahlkampfzeiten, ist das dem Verlagshaus durchaus zuzutrauen. «Der Erfolg dieser Wochenzeitung beruht auf einer qualitätsvollen redaktionellen Berichterstattung in moderner Aufmachung, dem innovativen Anzeigenkonzept (…) sowie der Verknüpfung mit dem Internetauftritt», schreibt Gerhard Schröder. Rivalin Angela Merkel wollte da nicht zurückstehen: «Diese Zeitung ist ein Beispiel für Mut, Innovationsgeist und Kreativität, durch die ein mittelständisches Unternehmen mit zahlreichen Arbeitsplätzen entstanden ist.»
