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Fantasie und Engagement
Aus der Frankfurter Rundschau vom 3. Januar 2003 (Medien-Teil)
Die Lage ist optimal. Max-Josefs-Platz. Zentraler geht's nicht in Rosenheim. Wer in der Kreisstadt südöstlich von München etwas zu erledigen hat, muss hier vorbei. Und kann sich das jüngste Produkt der regionalen Medienlandschaft gleich mitnehmen: 20 Seiten, erfrischend layoutet, auf lachsfarbenem Papier liegen vor dem Internetcafé aus. Hier produziert seit einigen Monaten die junge Redaktion ein 14-tägig erscheinendes Anzeigenblatt, überschrieben mit dem hohem journalistischem Anspruch «Überparteilich, unabhängig, modern». Die Rosenheimer Nachrichten.
Drinnen, neben der Empfangstheke liegen noch ein paar Exemplare der ersten Ausgabe aus dem September. Der Bundeskanzler hatte zum Start des ehrgeizigen Projekts in die Computertasten gegriffen und in einem Grußwort «die Fantasie und das Engagement» der jungen Leute gelobt. «Das ist wirklich eine gute Nachricht», schrieb Gerhard Schröder, vor allem zeige es, dass junge Menschen etwas schaffen könnten, das für die gesamte Gesellschaft wichtig sei: mehr Medienvielfalt, größere Meinungs- und Informationsfreiheit.
Genau deshalb war der 27 Jahre alte Eike Schlüter vor gut einem Jahr ins Geschäft eingestiegen. Zunächst online hatte er gewagt, den regionalen Markt aufzumischen und einfach eine Alternative anzubieten. Denn im 60.000-Einwohner-Städtchen gab es bislang nur eine Zeitung. Das ist in rund drei Viertel aller deutschen Städte und Landkreise nicht anders.
Doch wer Rosenheim kennt, weiß, hier ist es so, wie man sich das in Bayern vorstellt: Die CSU regiert mit absoluter Mehrheit, schon so lange man denken kann. Und daran wird sich wohl auch so schnell nichts ändern. Das Blatt und die Partei kommen bestens miteinander aus.
Die Zeitung gehört wie zwei Anzeigenblätter und der lokale Radiosender Alfons Döser. Auch am Regionalfernsehen ist der Rosenheimer Medienmogul beteiligt. Und so lieferte das Oberbayerische Volksblatt, das seinen Mantel vom Münchner Merkur bezieht, für die Christlich-Sozialen eine Hofberichterstattung, wie sie einer wie Eike Schlüter nach seinem Studium als Medientechniker mit seinem journalistischen Ethos nicht vereinbaren konnte.
Ein halbes Jahr hatte der gebürtige Hannoveraner, der in Rosenheim aufgewachsen ist, für die Online-Ausgabe des Monopolisten am Ort gearbeitet. Die Berichterstattung im Vorfeld der bayerischen Kommunalwahlen hatten ihn jedoch bestärkt, sich einen anderen Job zu suchen. «Wir hatten sieben Interviews mit Politkern gebracht», erzählt Schlüter, «und alle waren von der CSU». In seiner «jugendlichen Naivität» habe er das auch angesprochen und mehr Ausgewogenheit bei der redaktionellen Arbeit gefordert. «Doch der Verlag fährt da eine klare Linie.» Was also tun? Schlüter wechselte zu einer Sportartikelzeitschrift nach München, wollte aber die lokale Berichterstattung in seiner Heimatstadt nicht weiter nur dem schwarzen Volksblatt überlassen und beschloss, selbstständig etwas an der Misere zu ändern. Mit Freunden gründete er eine Internet-Lokalzeitung und ging unter der Adresse www.INNdependent.de ins Netz.
Kein Wunder, dass er damit großes Aufsehen in Rosenheim und Umgebung erregte. Zumal im Wahlkampf. Die Opposition freute sich, auch mal zu Wort zu kommen und die CSU-Lokalpolitiker wollten den neuen potenziellen Multiplikator ihrer Botschaften nicht ignorieren. «Es war relativ einfach, in alle Presseverteiler hineinzukommen», sagt Schlüter, «und schließlich wollen wir ja auch keine Oppositions-Zeitung sein. Das wäre völlig sinnlos».
Schlüter ist nicht der Erste, der versucht, dem Monopolisten eine Alternative entgegenzustellen. Vor zehn Jahren hatte die spätere SPD-Bundestagsabgeordnete Angelika Graf bereits einen Versuch gestartet, ein anspruchvolles Anzeigenblatt auf den Markt zu bringen. Nach zehn Ausgaben aber musste sie aufstecken, es war nicht genügend Geld in die Kasse gekommen, um das Projekt fortzusetzen.
Mitte der neunziger Jahre wagten zwei junge Unternehmer mit einem lifestyle-orientierten Blatt den Versuch, der immerhin drei Jahre lang gut ging.
Im Internet lässt sich kein Geld verdienen und so kam Schlüter an den Punkt, an dem er wusste: wenn ich mich ganz selbstständig machen will, muss ich in den Printbereich. Gemeinsam mit Martin Meyer, der mit einer Immoblienbörse online erfolgreich gestartet war und jetzt dem Kunden die Angebote auch auf Papier bieten wollte, wagte Schlüter den Schritt aus der im eigenen Einzimmer-Apartment hergestellten Internet-Zeitung hin zum Anzeigenblatt.
Die zwei Gesellschafter sind bis heute die einzigen, die hauptberuftlich bei den Nachrichten arbeiten. Alle anderen zehn Mitarbeiter sind nebenher fürs Blatt tätig, «viele aus Idealismus», sagt Schlüter. Einen erfahrenen Journalisten haben sie mit an Bord, der 30 Jahre lang für überregionale Tageszeitungen über Innenpolitik geschrieben hat, Programmierer und auch einen Anwalt. Den können sie tatsächlich gut gebrauchen, «denn wir haben es von Anfang an mit Einschüchterungsversuchen zu tun», berichtet Schlüter.
Nicht nur, dass Anzeigenkunden unter Druck gesetzt worden sein sollen, von der Konkurrenz, heißt es. Auch hatten die jungen Unternehmer gleich mal eine Abmahnung im Briefkasten, weil sie angeblich unerlaubt den Namen «Rosenheim» in Titel führten. «Rechtlich völlig haltlos», wie sich herausstellte. Natürlich sei es schwierig, sich gegen eine so etablierte Zeitung wie das Oberbayerische Volksblatt mit all seinen Beziehungen zu positionieren.
