Onlineausgabe der INNdependent Media GmbH

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BJVreport
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Der INN-Dependent

Aus dem BJVreport (Dezember-Ausgabe)


Alfons Döser als publizistischen Goliath seiner Heimat zu bezeichnen, dürfte kaum übertrieben sein: In und um Rosenheim ist der Verleger des Oberbayerischen Volksblattes absoluter Herrscher über den Medienmarkt. Ob Eike Schlüter sich als David erweist, ist weniger sicher. Zumindest kann der 26-jährige Herausforderer sich über einen Mangel an Sympathisanten nicht beklagen.

Seit Anfang September ist Rosenheim um ein Massenmedium reicher. Im zweiwöchigen Turnus erscheint jetzt ein 20-seitiges Blatt, das anders ist als die gewohnten Zeitungen und Anzeigenblätter: kompakt im Berliner Format, das Papier lachsrosa wie die Financial Times; trotz reiner Werbefinanzierung ausgestattet mit Texten, die nicht bloß den Raum zwischen den Anzeigen mit Grauwert füllen; dazu ein professionelles Online-Angebot und ein Name, wie er bodenständiger nicht sein könnte: Rosenheimer Nachrichten.

Konkurrenz! In der 60.000-Einwohner-Kreisstadt gab es – wie in rund drei Vierteln aller Stadt und Landkreise in Deutschland – seit langem nur noch eine einzige Lokalzeitung: das mit dem Mantel des Münchener Merkur erscheinende Oberbayerische Volksblatt (OVB) des Verlegers Alfons Döser und seiner Familie. Der Monopolist beherrschte mit dem OVB, zwei Anzeigenblättern (Echo, Blickpunkt) sowie Beteiligungen am lokalen Hörfunk (62 Prozent) und am Regionalfernsehen (33 Prozent) praktisch den gesamten Medienmarkt der Region.

Doch jetzt ist Eike Schlüter da, ein 26-jähriger studierter Medientechniker, der mit Ehrgeiz und jugendlichem Idealismus Markt und Wettbewerb in die Rosenheimer Medienszene trägt. Zunächst blies dem Jungpublizisten heftiger Gegenwind ins Gesicht. «Die Konkurrenz nutzte alle Mittel, um Druck auf unsere Anzeigenkunden auszuüben», sagt Schlüter. Sogar eine Abmahnung flatterte ihm ins Haus: Das Wort Rosenheim führe er unerlaubt im Titel. Ein Bluff, rechtlich unhaltbar. Mittlerweile haben die Schikanen nachgelassen. Es habe sich gezeigt, dass Einschüchterungsversuche bei den Inserenten nicht gut ankämen: «Die sind froh, dass sie eine Alternative vorfinden.»

Obwohl die 52.000 Exemplare der Rosenheimer Nachrichten – Untertitel: «überparteilich, unabhängig, modern» – kostenlos verteilt werden, versteht Schlüter sein Medium nicht als typisches Anzeigenblatt. Tatsächlich findet der Leser der Print- wie auch der Online-Ausgabe ambitionierten Journalismus, verteilt auf die Rubriken Lokales, Kultur, Sport, Reise (Out of Rosenheim), Meschen & Meinungen (kritisch und unzensiert) und Service (Ratgeber).

Mit dem Anspruch der Überparteilichkeit stößt der Nachwuchsunternehmer in eine Marktlücke. In Rosenheim hat nur eine Partei das Sagen. Wie prächtig sich die beiden Monopolisten verstehen, hat Eike Schlüter aus nächster Nähe miterlebt. Nach seinem Studium hatte er ein halbes Jahr für die Internetausgabe des Volksblattes gearbeitet. Hofberichterstattung habe den Alltag der Online-Redaktion beherrscht, findet er; von journalistischer Ethik, über die er im Studium viel gelernt hatte, habe er hingegen wenig gespürt.

Um etwas für die Meinungsvielfalt in Rosenheim zu tun, gründete Schlüter vor einem Jahr zunächst ein eigenes Internetportal, in dem sich auch die politische Opposition wiederfinden konnte. Die Webseite www.INNdependent.de besuchten bald täglich bis zu 1.500 Internetnutzer. Der Erfolg seines Web-Auftritts ermutigte Schlüter, eine richtige Zeitung zu machen. Unabhängig müsse das Blatt sein, daher lege er großen Wert darauf, dass seine Rosenheimer Nachrichten nicht als Oppositionsblatt verstanden werden. Er könne auch mit der CSU gut auskommen.

Doch Unabhängigkeit kostet Geld, und das ist knapp. Von acht Mitarbeitern, die das Blatt momentan stemmen, können nur zwei davon leben. Honorare an freie Mitarbeiter könne man noch nicht zahlen, bedauert Schlüter: «In der Anfangsphase können wir nur mit Leuten zusammenarbeiten, die an das Projekt glauben.»

Schlüter glaubt fest an seinen Erfolg. Dank wohnline.com, der Immobilienbörse seines Kompagnons Martin Mayer, ist das zweite Buch der Rosenheimer Nachrichten mit Anzeigen gut versorgt. Auch der Kfz-Markt, in dem die Fahrzeuge wie im Internet mit kleinen Fotos beworben werden, findet Zuspruch. In puncto Resonanz aus der Medienzunft kann sich Schlüters kleine Firma mit den Start-Ups aus der Zeit des Online-Hypes messen: Unter den Blättern, die über den Rosenheimer David berichteten, waren die taz und die Berliner Zeitung.

Wolfgang M. Seemann 30.12.2002
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