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Pepe und sein menschliches Spiegelbild Tanja.
Foto:Stephan Heinrichs

Tierschutz mit Haut und Haar


Von den Fotografien geht eine verstörende Erotik aus. Mit dem provozierenden Projekt „Lebenshunde” setzen sich Models und Initiatoren für den Tierschutz ein.

Rosenheim / Breitbrunn.
Mit nichts als schmutziger Schminke bekleidet sitzt Tanja Grimminger auf dem Boden eines zum Fotostudio umgewandelten Wohnzimmers in Breitbrunn am Ammersee. Bequem sieht es nicht aus, wie sie gleichzeitig versucht, die Pose eines Hundes nachzuahmen und dabei die eigene Blöße zu bedecken. Trotzdem befolgt sie brav alle Anweisungen: „Die Augen aufreißen! Noch größer, mach richtige Glupschaugen!”

Während sich die zwanzigjährige Rosenheimerin bemüht, einen echten Hundeblick hinzukriegen, kniet Stephan Heinrichs mit der Kamera in der Hand vor ihr und knipst sich ´nen Wolf. Heinrichs ist Initiator und zugleich Motor des Projekts „Lebenshunde - Ein Blick in den Spiegel”. Er produziert Postkarten, Kalender und Bücher mit nicht gerade alltäglichen Motiven: ehemals geschundene Hunde, deren Wunden bereits wieder verheilt sind, stellt er Menschen gegenüber, die wirken, als wären sie eben misshandelt worden.

Bedürfnisbefriedigung seltsamer sexueller Vorlieben? Ekelwerbung à la Benetton? Weit gefehlt. „Die Bilder sollen provozieren, auch polarisieren, aber nicht abstoßen. Deshalb die Stilisierung”, erklärt Heinrichs. Womit der Inhalt geklärt wäre, nicht aber sein Zweck. Um den zu verstehen, muss man wissen, welcher Berufung Antje Heinrichs folgt.

Während ihr Mann unten im Wohnzimmerstudio die Beleuchtung neu justiert, rennt Antje oben zwischen Büro und Küche hin und her, bietet wartenden Models Kaffee und selbstgebackene Krapfen an, begrüßt Neuankömmlinge, trifft telefonisch Terminvereinbarungen und tätschelt nebenbei immer wieder einen der fünf um den Fußwald wuselnden Hunde.

Die wilde Meute hat Antje Heinrichs nach und nach aus Nitra zu sich nach Hause geholt. Besser gesagt gerettet. Denn andernfalls wären die herrenlosen Tiere höchstwahrscheinlich in einer der zahlreichen Tötungsstationen hingerichtet worden. Nach Nitra reist Heinrichs regelmäßig. Die ehemalige Geschäftsfrau hat sich mit ganzem Herzen dem Tierschutz verschrieben und leistet unter anderem Hilfe für jenes slowakische Auffanglager für misshandelte Tiere, aus dem auch ihre kleinen Kläffer stammen. Tonnenweise Tiernahrung karrt sie hinüber, bringt notleidende Hunde herüber, vermittelt diese an tierfreundliche Familien. „Tierschutz”, sagt sie, „ist in der Slowakei noch nicht in der Gesellschaft angekommen.”

Doch das ehrenamtliche Engagement unter dem Dach des Vereins „Tiere in Not” kostet Geld und benötigt deshalb Publicity - das Stichwort, mit dem eines Tages Gatte Stephan ins Spiel kam. Anders als Antje, deren Mutter schon Vorsitzende des heimatlichen Tierschutzvereins war, liegt dem Managementtrainer Tierschutz nicht in den Genen. Mit dem „Krankenschwestersyndrom” musste ihn Antje erst infizieren. Stephan Heinrichs gibt unumwunden zu, dass er zu Anfangs gar nicht glücklich war über die tagelangen Fahrten seiner Frau, über den stetigen Familienzuwachs auf vier Pfoten. Bis es den Hobbyfotografen eines Tages traf wie ein Blitz aus der Leica. „Die Tierschützer dringen mit ihren Anliegen einfach nicht durch”, stellte Heinrichs fest; und glaubte die Ursache erkannt zu haben: das Informationsmaterial. „Man sieht immer nur stümperhafte Fotos von misshandelten Tieren.” Das muss auch anders gehen, dachte sich Heinrichs, entwickelte die Idee zu „Lebenshunde”, und machte aus dem Projekt seiner Frau ein gemeinsames.

„Mit den Bildern wollen wir auch jene Menschen ansprechen, die sonst nicht mit Tierschutz in Kontakt kommen, vor allem junge Menschen”, sagt Heinrichs. Denn besser als nachträgliche Rettungsaktionen sei Prävention, und die wolle man mit dem Material europaweit leisten.

Doch vor der Verbreitung steht die Produktion, und an erster Stelle das Fotografieren. Wie ist Tanja auf das Projekt aufmerksam geworden? „Ich habe Stephans Aufruf in der Internetplattform Modellkartei gelesen”, erzählt die gelernte Friseurin. Sie hat schon einige, meist semi-professionelle Shootings absolviert und war von der Idee sofort begeistert. Sie, genau wie alle anderen Beteiligten - zum Beispiel Visagistin Gabriele, Maskenbildner Norbert, Friseurin Annabell oder PR-Managerin Kathrin, alles Profis in ihren Metiers - helfen unentgeltlich, aus purem Idealismus. Eben weil die Models, darunter übrigens auch eine ganze Reihe Männer, sich mit dieser Form des Tierschutzes identifizieren, bringen sie gern den vollen Körpereinsatz.

Tanja taut im Dienst der guten Sache zum Schluss hin richtig auf. Obwohl sie schon minutenlang nackt im Blitzlicht posiert hat, schlägt sie beim Betrachten der Bilder eine weitere Runde vor. „Auf einem Foto liegt Pepe doch”, erinnert sie sich - und beweist ihr gutes Gespür. Tanja bringt sich in Position, Stephan drückt ein paar Mal auf den Auslöser und das Ding ist im Kasten.

Tanja fährt zufrieden zurück nach Rosenheim. Sie weiß, sie hat sich in den Dienst einer guten Sache gestellt; sie bekommt tolle Fotos für ihre Setcard; und besonders glücklich ist sie darüber, dass auch „ihr” Hund bereits vermittelt werden konnte. Für das Projekt wünscht sie sich, dass mehr Sponsoren das Engagement des Ehepaars Heinrichs würdigen.

Christian Topel 23.04.2009
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